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Martin Hellweg, 20. Januar 2015

Kürzlich fragte das Washingtoner Pew Research Center 2’500 Experten, ob in den nächsten 10 Jahren ein akzeptiertes Privatsphäre-Regime und die entsprechende Infrastruktur etabliert sein würden. 55% der Befragten antworteten mit Nein, 45% mit Ja. Die Stellungnahmen im dazugehörigen Report „The Future of Privacy“ sind voller Fatalismus und Resignation. Lösungsansätze für eine Welt, in der wir das Internet sorgenfrei nutzen können und zugleich unsere Privatsphäre erhalten – keine Spur weit und breit.

Dabei wird die Diskussion erschreckend „digital“ geführt. Entweder erhalten wir innovative Online-Produkte oder wir schützen unsere Privatsphäre – beides geht nicht, versucht man uns zu suggerieren. Und so nutzen manche bedenkenlos Applikationen wie WhatsApp und Facebook, während andere mit dem mahnenden Zeigefinger vor uns stehen und sich dem digitalen Fortschritt komplett verwehren wollen. Im Februar 2014 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger so seine „Regeln für die digitale Welt“, die Empfehlungen enthalten wie „Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg“ oder „Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden“. Das kann keine reale Option sein. Auf die nicht digitalisierten Bäume steigen und in funknetzfreien Höhlen kriechen – das wäre aber ein grosser gesellschaftlicher Rückschritt. Google hat unser Leben positiv verändert. Das Wissen der Welt ist jederzeit nur einige wenige Klicks entfernt. Share Economy-Plattformen wie Airbnb und Uber schaffen grossartige neue Möglichkeiten, Ressourcen effizienter zu nutzen. Selbst Social Media Plattformen wie Facebook sind an sich etwas Gutes, haben sie die Welt doch ein Stück kleiner gemacht, indem sie uns erlauben, auch über grosse Distanzen auf äusserst effiziente Weise Kontakte zu pflegen.

Fakt ist zugleich: Wir hinterlassen bei jeder Handlung im Internet Daten. Dabei ist das immer wieder diskutierte peinliche Facebook-Fotos von der letzten Party das kleinere Problem. Gefährlich für den Einzelnen und die freiheitliche Gesellschaft als Ganzes wird es, wenn aus den im Internet hinterlassenen Daten in ihrer Gesamtheit aussagekräftige und facettenreiche Persönlichkeitsprofile entstehen. Fachleute können auf dieser Basis erschreckend präzise das Wesen einer Person einschätzen und ihr Handeln vorhersagen. Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, wie Menschen damit Schaden zugefügt werden kann. Die Krankenkasse berechnet unterschiedliche Beiträge je nach digitalem Gesunsheitssprofil, die Kreditwürdigkeit wird auf Basis des Surfverhaltens bestimmt, der Sohn bekommt keine Lehrstelle, weil man ihm einen zu wankelmütigen Charakter voraussagt.

Die üblichen Verdächtigen für die Erstellung solcher Persönlichkeitsprofile sind die bekannten Protagonisten Google, Amazon und Facebook. Weniger im Rampenlicht, aber viel gefährlicher sind die Aktivitäten der sogenannte Datenbroker, die Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen zusammenzutragen und daraus erschreckend komplette Persönlichkeitsprofile über uns erstellen. Der Marktführer dieser Zunft, Axciom, rühmte sich bereits vor einem Jahr, von über 500 Millionen Menschen mehr als 1’500 Datenpunkte pro Person zusammengetragen zu haben. Mittlerweile dürften es noch deutlich mehr sein.

Man stelle sich nur vor, ein totalitäres Regimes hätte freiem Zugang zu diesen Daten. Wir mögen dies heute noch für abwegig halten und Romane wie Dave Eggers „The Circle“ und Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ belächeln. Aber in Zeiten grosser sozialer Spannungen, die es durchaus wieder geben kann, suchen Menschen schnell einmal nach einfachen Lösungen. Wir müssen aber gar nicht in die Zukunft schauen. Für manche hat die allgegenwärtige digitale Überwachung bereits heute bittere Folgen. Im Dezember 2013 staunten die friedlich demonstrierenden Bürger auf dem Majdan-Platz in Kiew nicht schlecht, als die Polizei ihnen per SMS schrieb: »Sie sind umstellt, Sie haben keine Chance.« Viel schlimmer war, was nicht geschrieben stand: »Sie sind registriert.« Dies ist nur ein Vorgeschmack dessen, was eine ihre Staatsmacht missbrauchende Regierung in einer gläsernen digitalen Welt tun kann. Wir bewegen uns mit Siebenmeilenstiefeln auf diesen Zustand hin. Privatwirtschaftliche Unternehmen ebnen den Weg. Unrechtsregime und Kriminelle fahren im Schlepptau mit.

Ein grosser Teil der Bevölkerung will das nicht. Doch wie kann ihr verfassungsmässig garantiertes Recht auf Privatsphäre gewahrt werden? Es gäbe eine nachhaltige Lösung.

Heute geht die Nutzung von Angeboten wie Google & Co. zwingend Hand in Hand mit dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten. Will ein Nutzer dies nicht, muss er auf den Service verzichten. Das dies z.B. für Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld oft nahezu unmöglich ist, liegt auf der Hand. Es muss darum Anbietern gesetzlich vorgeschrieben sein, auch die Option anzubieten, Angebote ohne die Gewährung der sonstigen Nutzung personenbezogener Daten wahrzunehmen. Wählt jemand ein solches „Opt-Out“, dürfen Anbieter im Internet seine Daten nur für den eigentlichen Besuchszweck nutzen und anschliessend nicht anderweitig personalisiert verwerten.

Würde diese „Opt-Out“-Option Google verunmöglichen? Mitnichten. Das Businessmodell würde sich nur ändern. Nutzer, die nicht wollen, dass Google anderweitig mit ihren Daten Geld verdient, müssten ersatzweise für den Dienst zahlen. Teilt man den Umsatz von Google auf seine Nutzer, kommt man auf ca. 3 USD pro Monat – ein geringer Preis für die Wahrung der Privatsphäre.

Facebook würde auch nicht aufhören zu existieren, sondern müsste sich in eine sogenannte Peer-To-Peer-Softwarelösung wandeln. Das Erscheinungsbild der Facebook-Maske könnte gleich sein, die Informationen ähnlich umfassend – allein, sie würden auf dem direkten Austausch zwischen Nutzern basieren. Nirgendwo würden Daten zentral gespeichert, sondern nur lokal beim Nutzer und zwischen Facebook-Freunden ausgetauscht. Facebook hätte die Daten dieser Nutzer nicht.

In einer Peer-To-Peer-Welt würde wahrscheinlich auch gutes Geld verdient, aber nicht 19 Milliarden Dollar für eine Applikation wie WhatsApp, zu der der Schweizer Manuel Kasper mit Threema quasi im Alleingang ein Konkurrenzprodukt aus dem Boden stampfte. Der Kaufpreis war eben nicht für die Applikation, sondern für unsere persönlichen Adressbücher.

Das Internet befindet sich dort, wo der Strassenverkehr in den 50er Jahren war, als man die Gurtplicht noch nicht kannte und selbst innerorts keine Geschwindigkeitsbegrenzung galt. Wir leben im digitalen Wilden Westen, frei von Rahmenbedingungen zum Schutz der Privatsphäre. Das Setzen klarer Spielregeln für das Interet ist längst überfällig. Es würde auch Innovationen nicht hemmen, sondern nur neue hervorbringen – siehe Threema – und bestehende in eine andere Richtung lenken. Internet-Angebote müssten den gewünschten Nutzen stiften, ohne die Daten ihrer Nutzer zu verwursten und am Ende gar noch gegen sie zu nutzen.

Kann Europa solche Regelungen im Alleingang einführen? Wir sollten hier von den Amerikanern lernen. Sie zeigen uns immer wieder, wie man ein nationales Rechtssystem auch international durchsetzt. Unternehmen, die sich nicht an die lokalen Spielregeln halten, fliegen raus. Amazon, Google, Facebook, Twitter – sie alle würden sich wohl kaum den EU-Markt entgehen lassen. Verletzten sie Normen, die für EU-Bürger gelten – gleich wo sich ihre Daten auf dem Erdball befinden – müssten ihnen ernstzunehmende Strafen drohen, wie wir sie z.B. vom Kartellrecht kennen. Ihre Business Modelle würden sich in Windeseile ändern. Warum werden also keine wirksamen Regelungen eingeführt? An Entschlossenheit mangelt es unseren Politikern prinzipiell nicht. Wir sehen am Beispiel der Kinderpornografie-Bekämpfung, dass man durchaus fähig ist zu handeln, wenn man nur gewillt ist. Der Wille stellt sich aber nur langsam ein. Es ist an der Zeit, wirksame Eckpfeiler zum Schutz unserer Privatsphäre einzuziehen, so dass wir die wundervollen Möglichkeiten des Internets sorgenfrei nutzen können. Es ist möglich. Man muss es nur wollen.

Zum Autor

Martin Hellweg (geb. 1967) berät im Rahmen seiner Tätigkeit für den Virtual Bodyguard Menschen, die Opfer eines digitalen Anschlags wurden. Er ist Autor des im Econ Verlag erschienenen Buchs „Safe Surfer – 52 Tipps zum Schutz Ihrer Privatsphäre im digitalen Zeitalter“ und Stiftungsratsmitglied der in der Schweiz ansässigen Safe Surfer Stiftung.